RTL Skispringen 2002 zeigt, wo die CD der PlayStation dem Modul des N64 voraus war

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Wie kaum ein anderes Spiel verdeutlicht RTL Skispringen 2002, warum sich so viele Publisher entschieden, ein Konsolenspiel für die PlayStation und nicht für den Nintendo 64 zu bringen. Das hängte maßgeblich mit ihrem jeweiligen Speichermedium, CD-ROM vs. Steckmodul, zusammen. Aus wirtschaftlicher Sicht war die CD-ROM für Publisher um ein Vielfaches attraktiver und die Vorteile können am Beispiel von RTL Skispringen 2002 wunderbar gezeigt werden.

Wenn es dich interessiert, lies hier nach, warum Nintendo beim N64 auf Module und nicht wie die Konkurrenz auf CD-ROMs setzte.

Skispringen – DER Wintersport um die Jahrtausendwende

Reisen wir kurz in der Zeit zurück und blicken auf den Wintersport um die Jahrtausendwende zurück. RTL sicherte sich die Übertragungsrechte für Skispringen und schaffte es, aus dem Nischensport ein Massenphänomen aufzubauen. Natürlich war das Zuschauerinteresse begünstigt durch die Erfolge deutscher Springer wie Martin Schmitt und Sven Hannawald. Als Saison-Highlight diente die populäre Vierschanzentournee. Den Triumph Hannawalds bei der Tournee 2002 verfolgten in der Spitze bis zu 15 Millionen Menschen vor dem Fernsehen. Solche Einschaltquoten schafften sonst nur ein Spiel der Fußball-Nationalmannschaft der Herren oder Wetten, dass…? zu Thomas Gottschalks besten Zeiten.

Skispringen war also zu populär, um die Gelegenheit verstreichen zu lassen, daraus ein Videospiel zu machen. Zur Saison 2000/2001 brachte RTL bereits ein PC-Spiel. Für das folgende Jahr entschloss sich der Privatsender auch eine Konsolenfassung herauszubringen. Bei der noch niedrigen Verbreitung der im Vorjahr erschienenden PS2 in Deutschland, gab es die Wahl zwischen dem N64 und/oder der PlayStation. Warum es nur eine Fassung für Letztgenannte gab, wird bei einem Vergleich der Angebote von Sony und Nintendo schnell deutlich.

RTL Skispringen 2002: Der wirtschaftliche Vorteil der CD-ROM

Die Cartridge des N64 hat im Vergleich zur CD-ROM wenig Speicherkapazität zu bieten. Das mag ein Faktor für SquareSoft und seine imposante Final Fatasy-Reihe gewesen sein, der PlayStation gegenüber dem N64 den Vorzug zu geben. Für ein audiosvisuell so mageres Spiel wie RTL Skispringen 2002 ist das aber nicht ausschlaggebend. Mit früher PS1-Grafik ohne Cut-Scenes, ohne nenneswerte Musik und fehlender Sprachausgabe hätte es das Spiel locker auf jedes N64-Modul gepackt.

RTL Skispringen 2002 Sprung Screenshot
Von der Präsentation her keine Offenbarung: RTL Skispringen hätte auch auf einem N64-Modul Platz gefunden.

Geringerer Verkaufspreis durch geringen Einkaufspreis

Wenn ein Hersteller bei Sony ein Spiel bestellen wollte, konnte er es für einen Stückpreis von 10 Dollar (ca. 20 Mark) ordern (Quelle: Kent – The Ultimate History of Video Games). In erster Linie war dieser günstige Preis durch die niedrigen Produktionskosten der CD-ROM möglich.

Wegen der hohen Modulkosten und höheren Lizenzgebühren überwies ein Drittanbieter 40 Dollar (ca. 80 DM) pro Spiel an Nintendo. Das hätte gravierende Auswirkungen auf den Preis einer hypothetischen N64-Version von Skispringen gehabt.

Im Einzelhandel kostete die PSone-Version von RTL Skispringen 2002 letztlich 60 Mark. Einfachste Wirtschaftslehre: Je niedriger der Preis, desto mehr Menschen greifen zu. Alle Interessierten wussten, dass sie beim Spiel keinen Blockbuster bekamen, aber einen netten Zeitverteib. Dafür waren 60 Mark völlig in Ordnung.

RTL Skispringen 2002 Test
Keine schöne Präsentation, aber Skisprung-Fans, die es dank dem Hype der Zeit zahlreich gab, konnten wegen des guten Gameplays zugreifen (Quelle: Play 12/01).

Damit der Publisher bei einer N64-Version die gleiche Spanne von 40 Mark gehabt hätte, hätte das Spiel 120 Mark kosten müssen – also doppelt so viel wie die PSone-Fassung. Das wäre ein ziemlich abschreckender Preis für ein Spiel dieses Kalibers. So wäre ein RTL Skispringen 2002 mit seiner schwachen Präsentation auf dem N64 zum Beispiel genauso teuer gewesen wie das gleichzeitig erschienende Devil May Cry auf der technisch neueren PS2.

Für 120 Mark würden also nur wenige Spiele einer N64-Fassung gekauft werden; schlimmstenfalls bleibt der Hersteller auf den teuer eingekauften Modulen sitzen und macht Verluste. Bliebe die Option den Preis niedriger anzusetzen. Dadurch schmälerte der Publisher jedoch den eigenen Gewinn beträchtlich, ohne einen für die meisten Endverbraucher akzeptablen Preis erreichen zu können. Aus wirtschaftlicher Sicht alles keine rosigen Aussichten.

Neben den hohen Produktionskosten spielt noch ein andere Faktor eine Rolle.

Kürzere Produktionszeiten: Vorteil PlayStation

PlayStation: Fast risikolos bestellen und bei Tournee-Euphorie wie Olympia nachordern

RTL Skispringen 2002 ist allen Mängeln zum Trotz, dank grassierendem Skisprung-Hype zum deutlichen Verkaufserfolg avanciert. […] Das Verhältnis von PC-Version zu PSone-Version hält sich annähernd die Waage (85000 PC zu 95000 PSone), wobei der Verkaufsboom der PC-Version offenbar schon etwas stärker abnimmt (Hier wurden nur 35000 Exemplare nachgeordert zu 55000 nachbestellten PSone-Spielen).

GameZone, 05.02.2002

RTL Skispringen 2002 ist ein saisonales Spiel und der Verkaufserfolg an die im Winter vorherrschende Euphorie rund um Schmitt, Hannawald und Co. gebunden. An dieser Stelle machte sich die schnellere Fertigung einer CD-ROM positiv bemerkbar.

Bis zu 14 Tage lagen zwischen Bestellung eines PSone-Spiels bei Sony und seiner Lieferung. Übertragen auf unseren Fall heißt das: Die Bestellung musste Anfang November aufgegeben werden, um zum Verkaufsstart Ende November in den Regalen zu stehen. Um Verluste zu vermeiden, könnte man eher konservativ kalkuliert haben. Zeichnete sich ein Verkaufserfolg ab, konnte RTL Entertainment noch Mitte Dezember problemlos nachordern, um zur Vierschanzentournee Anfang Januar genügend Vorräte zu haben. Und – siehe Zitat – RTL Entertainment bestellte Anfang Februar noch 55.000 Exemplare der PS-Version nach. Etwa Mitte Februar stand somit wieder genügend Ware in den Regalen – gerade rechtzeitig zu den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City, als die deutschen Springer Gold gewannen. Bis zum Ende des Skisprung-Weltcups am 24. März 2002 konnten die Einheiten noch gut verkauft werden.

N64: Im August die Nachfrage für den gesamten Winter schätzen

Nun schauen wir uns an, wie die Bestellung einer hypothetischen N64-Fassung aussähe. Die bei Nintendo in Japan produzierten Module sind nicht nur kosten-, sondern auch zeitintensiver in der Herstellung. Zwischen Bestellung und Erhalt lagen drei Monate. In unserem Fall bedeutet das, dass die Bestellung Ende August 2001 bei Nintendo eingehen müsste, um pünktlich zum Weltcup-Auftakt am 23.11. in die Läden zu kommen. Das kostet Entwicklungszeit.

Wäre das Spiel nun erfolgreicher als erwartet und bräuchte Mitte Dezember Nachschub, dann käme er erst Mitte März, kurz vor Ende des Weltcups, an. Ein Nachordern im Februar wie es RTL Entertainment machte, würde im Fall des N64 bedeuten, dass die Spiele im Mai ankommen. Im Mai interessiert sich aber keiner mehr für Wintersport, vor allem zahlt dann keiner mehr 120 Mark (bzw. ab 2002: 60 Euro) dafür. Zusätzliche Gewinne wie bei den nachgeorderten PSone-Spielen wären dem Hersteller entgangen.

Heißt konkret in unserem Fall: Nachbestellen würde sich nicht lohnen. Stell dir vor, du müsstest das Spiel in Auftrag geben. Ungefähr Mitte August, wenn dir die Sonne auf den Kopf knallt, musst du abschätzen, wie sich dein Wintersport-Spiel verkaufen wird. Der Verkaufserfolg ist auch abhängig von Faktoren, die du überhaupt nicht beeinflussen kannst. Was, wenn Martin Schmitt im Training stürzt und die ganze Saison ausfällt und Sven Hannawald völlig außer Form ist? Dann schauen viel weniger Leute Skispringen im Fernsehen und einher geht es mit weniger Spieleverkäufen. Setzt du die Produktionszahl zu niedrig an, entgehen dir Gewinne. Setzt du sie zu hoch an, machst du immense Verluste. Wenn du eben überrascht warst, dass sich RTL Skispringen auf der PSone 150.000 mal verkauft hat, hättest du die Nachfrage wohl schon falsch eingeschätzt.

Fazit: RTL Skispringen ist ein Paradebeispiel für die Vorzüge der PSone aus Entwicklersicht

Aus Herstellersicht hatte die PlayStation also gravierende Vorteile: Günstigerer Einkauf, aus dem weniger Risiko und ein günstigerer Verkaufspreis resultierte. Dank einem niedrigeren Verkaufspreis lag wiederrum die Nachfrage höher. 120 Mark für eine theoretische N64-Fassung? Ein zu sportlicher Preis für viele und somit unnötige Gefahr für Verluste aus Herstellersicht. Noch dazu konnte der Hersteller bei der PlayStation schneller auf die Nachfrage reagieren, Gewinne optimieren und Risiken reduzieren; ohne Gefahr zu laufen, erst wieder zu liefern, wenn der Hype vorbei ist.

Schlussendlich verkaufte sich das Deutschland-exklusive RTL Skispringen 2002 auf der PSone also 150.000 mal (um das einzuordnen: Paper Mario auf dem N64 erschien einen Monat vorher und verkaufte sich in ganz Europa (!) 180.000 mal). Ein Riesen-Erfolg und eine Win-Win-Win-Situation: Spieler bekamen einen soliden Titel zu einem damaligen Hype-Sport bei einem vertretbaren Preis, Publisher RTL Entertainment erfreute sich guter Gewinne und nicht zuletzt Sony machte durch die Lizenzgebühren 3 Millionen Mark Umsatz. Sicherlich hielt Günther Jauch bei der Tournee mal das Spiel in die Kamera und machte vor 15 Millionen Menschen indirekt kostenlose Werbung für die Marke PlayStation.

Anhand von RTL Skispringen 2002 haben wir einen guten Eindruck bekommen, wie wirtschaftlich lukrativ solche Lizenz-Spiele sein können. Was aber noch viel wichtiger ist: Wie kaum ein anderes Spiel verdeutlicht es, warum viele Entwickler/Publisher auf die PlayStation statt den N64 setzten – ganz unabhängig vom knapperen Speicherplatz. Monate im Voraus den voraussichtlichen Absatz abschätzen zu müssen, teure Produktionskosten, hohe wirtschaftliche Risiken waren Argumente gegen das Nintendo 64.

Nintendos Konsole hatte häufig mit mangelnder Software durch fehlenden Third-Party-Support zu schaffen. Weniger als 400 N64-Spiele (250 in Deutschland) waren es am Ende. Für die PlayStation brachten die verschiedenen Hersteller insgesamt rund 3.000 Spiele raus. Das unscheinbare RTL Skispringen 2002 macht klar, warum.

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